Waldbrände von Sibirien bis Südeuropa, große Trockenheit in Brandenburg und Kalifornien, abschmelzendes Eis in der Antarktis und in den Alpen – der Klimawandel ist längst Realität. Gut, dass die Europäische Union mit Maßnahmen gegenzusteuern versucht. So trat am 29. Juli 2021 das „Europäische Klimagesetz“ in Kraft. Das Gesetz ist eine Reaktion auf den im Dezember 2019 von der europäischen Kommission vorgestellten „Green Deal“. Dieser hat das Ziel, Europa bis 2050 zum ersten klimaneutralen Kontinent zu machen und die Senkung der Netto-Treibhausgasemissionen um mindestens 55 Prozent gegenüber dem Stand von 1990 umzusetzen. Mit dem Gesetzespaket „Fit for 55“ hat die europäische Kommission hierzu auch einen konkreten Plan auf den Weg gebracht.

Diese Gesetzesmaßnahmen sind wichtig, keine Frage, allerdings: Klimaschutz ist auch das Ergebnis verantwortungsbewusster Entscheidungen jedes Einzelnen. Dazu gehören auch unser Lebenswandel und insbesondere unser Konsumverhalten.

Schutz der Meere und des Klimas

Plastikverpackungen im Ozean – Treiber für Veränderung

Bilder von Kunststoffmüll aus Asien haben geschafft, was reine Zahlen nie vermocht hätten: Sie spülten mit den großen Wellen an Meeresmüll eine reale Folge unseres Konsums in unser Bewusstsein – und wurden so ein visueller Treiber für die Notwendigkeit von Veränderungen.

Dies muss uns allen als Impuls für weltweit verbesserte Wertschöpfungsketten, individuelle Verhaltensänderungen, angepasste politische Rahmenbedingungen und eine funktionierende Abfallinfrastruktur sein.

Er sollte aber nicht missbraucht werden, um die Forderung nach einer pauschalen Abkehr von Verpackungen aus Kunststoff oder gar dem Kunststoff als Werkstoff zu rechtfertigen. Die herausragenden Eigenschaften des Wertstoffs machen den Zugang zu sicheren, hygienischen Lebensmitteln, moderner Medizin, Elektromobilität oder Gebäudedämmung gerade erst möglich – und helfen so mit, dem Klimawandel wirksam zu begegnen.

Energiewende ohne Kunststoff? Nicht denkbar

Die Rotorblätter von Windrädern werden aus faserverstärktem Kunststoff hergestellt, ebenso Teile von Solarzellen und -anlagen. Als Dämmstoff in Hauswänden verringert Kunststoff den Energieverbrauch und damit den Kohlenstoff-Fußabdruck eines Gebäudes. Flugzeuge oder Autos sparen aufgrund von Leichtbauteilen aus Kunststoff viel Gewicht. Das wiederrum reduziert Kerosin- und Benzinverbrauch.

Lebensmittelschutz Ist Klimaschutz 2020 IKDoch Kunststoffe können noch mehr: Insbesondere Kunststoffverpackungen sind im Bereich der Lebensmittelversorgung ein zentraler Baustein, um das Primärziel des Klimaschutzes, die Senkung der Netto-Treibhausgasemissionen, zu realisieren. Um diese Kausalkette zu verstehen, muss man den Blick kurz von der Verpackung abwenden und auf das verpackte Produkt, das Lebensmittel, richten.

Die Verpackung eines Produkts macht nur einen Bruchteil der CO2-Emissionen des verpackten Lebensmittels aus. In Zahlen: Der Klimafußabdruck des verpackten Lebensmittels ist im Schnitt 16 bis 30 Mal höher als der Fußabdruck der Verpackung, bei einem Steak fast 200 mal.

Bei der Produktion eines Rindfleisch-Steaks entstehen ca. 14.000 Gramm CO2, bei dessen Verpackung lediglich 73 Gramm. Verpackungen verlängern die Haltbarkeit frischer Lebensmittel und tragen so zur Vermeidung von Nahrungsmittelverlusten bei. So sinkt der Energieverbrauch und es entstehen weniger Treibhausgase, die mit einer sonst notwendigen Neuproduktion der Nahrungsmittel verbunden wären. Das gilt im übrigen nicht nur für Lebensmittel, sondern auch für alle anderen verpackten Güter.

Klimaschutz braucht mehr als einfache Antworten

Weniger Plastikverpackung Mehr Abfall Mehr CO2 Hoeherer Energieverbrauch durch Anternativmaterial - Klimaschutz

Weniger Plastikverpackung = mehr Abfall, mehr CO2, höherer Energieverbrauch durch Alternativmaterial

Auch die Forderung nach Alternativen zu Plastikverpackungen verdient eine faktenbasierte Antwort: Was würde es denn für das Klima bedeuten, wenn Kunststoffverpackungen durch ein anderes Material ersetzt würden? Eine 2010 durchgeführte Ökobilanz-Studie von denkstatt belegt, dass dann die Abfallmenge um bis zu 360 Prozent steigen und der Energieverbrauch sich mehr als verdoppeln würde.

Das entspräche 27 Millionen Tonnen Rohöl oder aber dem Heizbedarf von rund 20 Millionen Haushalten. Weiter würden die Treibhausgasemissionen um 61 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente pro Jahr ansteigen. Dieser Anstieg entspräche eine Steigerung der Zahl an Autos auf unseren Straßen um 21 Millionen Fahrzeuge.

Die Studie beleuchtet den Grund dafür: Kunststoffverpackungen erfüllen häufig dieselbe Funktion mit deutlich weniger Masse pro funktionale Einheit. Der Nettonutzen von Recycling und Verwertung der Kunststoffverpackungen ist häufig höher als bei Alternativmaterialen. Dazu kommen die Vorteile in der Nutzungsphase wie vermiedene Nahrungsmittelverluste oder ein geringerer Energiebedarf bei Transporten.

Treibhausgase im gesamten Lebenszyklus der Kunststoffverpackung einsparen

Die Stärken und Funktionen der Kunststoffverpackungen entbinden die Unternehmen der Kunststoffindustrie jedoch nicht von der Pflicht, Treibhausgasemissionen im gesamten Lebenszyklus des Wertstoffs einzusparen. Dazu werden technologische Innovationen und damit auch die Transformation von der linearen zur ressourceneffizienten Kreislaufwirtschaft vorangetrieben. Dafür setzt sich auch die Initiative “Wir sind Kunststoff”  mit der Plattform Dein Kunststoff ein.

Am Anfang steht der Rohstoff

So ist eines der zentralen Themen in der öffentlichen Diskussion um die Kreislaufwirtschaft die Frage, wie und bis zu welcher Menge der Anteil von Rezyklaten in Kunststoffverpackungen erhöht werden kann.

Potenzial Und Huerden beim Einsatz bon Recycelten Kunststoffen In VerpackungenIhr Einsatz mindert messbar den Verbrauch von Kunststoffneuware und reduziert somit CO2-Emissionen. Das Potential des Einsatzes ist erheblich. Die Gesellschaft für Verpackungsmarktforschung (GVM) hat dieses jüngst ermittelt: Eine Steigerung von 475 auf circa 960 Tausend Tonnen pro Jahr ist möglich. Dies entspräche rund 22 Prozent der Produktionsmenge. So ist der Einsatz von einer Million Tonnen an Kunststoff-Rezyklaten bis 2025 bereits das erklärte Ziel der Kunststoffverpackungsindustrie.

Einsatz erneuerbarer Energien

Auch in der Kunststoffindustrie wird der Wechsel in zu erneuerbarer Energie vollzogen. Covestro wird künftig einen Teil des Strombedarfs in Deutschland durch Windenergie aus der Nordsee abdecken. Die BASF bezieht in Zukunft Windenergie aus einem niederländischen Offshore-Windpark und verfolgt das Ziel, bis 2030 die Menge emittierter Treibhausgase im Vergleich zum Jahr 2018 weltweit um 25 Prozent senken. Die Maag GmbH ist bereits heute klimaneutral. Das Chemie- und Kunststoffunternehmen Lanxess möchte bis 2040 klimaneutral sein.

CO2 Fussabdruck KlimaschutzRund ein Viertel der europaweiten CO2-Emissionen aus dem Verkehr

Das Unternehmen Alpla hat auf die hohen CO2-Emissionen aus dem Verkehr reagiert. Es baut weltweit Fabriken in den Räumlichkeiten seiner Kunden beziehungsweise in deren Nähe. 72 Inhouse-Werke wurden bis dato bei Kunden errichtet. Die Zusammenarbeit vor Ort fördert zudem Innovationen und sparte allein im Jahr 2019 43.000 Tonnen CO2 ein.

Neben den genannten setzt sich eine große Zahl weiterer Unternehmen der Kunststoffbranche aktiv für Klimaschutz ein. Die IK Industrievereinigung Kunststoffverpackungen unterstützt gemeinsam mit 22 Verbänden und Organisationen der deutschen Wirtschaft, dem BMWi und dem BMU die Initiative Energieeffizienznetzwerke.

Seit Ende 2020 wird das Netzwerk unter dem Dach des GKV Gesamtverbandes der Kunststoffverarbeitenden Industrie e. V. weitergeführt.

Möglich machten dies neue Technologien, unter anderem aus den Bereichen Prozesswärme, Druckluft, Beleuchtung, Kältetechnik, Prozesstechnik, Wärmerückgewinnung und Abwärmenutzung sowie Klimatisierung, Transport und Logistik.

Produktion, Verwendung, Abfallmanagement und Recycling

Die Kunststoffindustrie trifft der Vorwurf, sie rücke Themen wie Abfallmanagement und Recylcing bewusst in den Fokus, um von der steigenden Kunststoffproduktion abzulenken und sich so vor ihrer Verantwortung zu drücken.

Dass das Gegenteil der Fall ist, zeigt das oben beispielhaft skizzierte Engagement der Kunststoffindustrie und auch die aktuelle Position von  “Wir sind Kunststoff”, einer noch jungen Initiative von GKV, PlasticsEurope und VDMA. Außerdem vertritt die IK als Verband der Hersteller eine klare Haltung:

“Der ökologische Fußabdruck der verpackten Produkte ist um ein Vielfaches größer als der der Verpackung. Also sollte es unser Ziel sein, diese Produkte bestmöglich zu schützen. Mal in Kunststoff, mal in anderen Materialien und sicher auch mal ohne Verpackung. So wenig Verpackung wie möglich, so viele wie nötig, sollte die Maxime sein.”

Eines stimmt jedoch. Die Aufmerksamkeit wird auch auf das Abfallmanagement und Recycling gelenkt und das zu Recht, denn die durch Recycling bedingte Abkehr vom fossilen Rohstoff ist radikal. Sie erfordert seitens der Industrie Investitionen in mehrstelliger Milliardenhöhe in das Design-for-Recycling, den Ausbau hochwertiger Sortier- und Recyclingverfahren und neue Technologieverfahren wie beim Chemischen Recycling.

Eine bislang unveröffentlichte Studie der Londoner Nachhaltigkeitsberatung Eunomia zufolge ließen sich rund 2,8 Milliarden Tonnen CO2 einsparen, wenn die Abfallströme auf hohe Recyclingquoten optimiert werden würden. Dafür braucht es die Hilfe aller: Von Unternehmen, die Produkte recyclingfähig machen und Rezyklate häufiger einsetzen, und auch von Verbrauchern, die dafür sorgen, dass Plastikabfälle in den richtigen Sammelbehältern landen – denn: Mülltrennung wirkt!

Zum Abschluss für Interessierte noch ein kurzes Video zu Kunststoffverpackungen und ihrer Umweltbilanz.

Quellenangabe: Bild Rettungsring am Strand: ludodesign, AdobeStock