FAZ: Alles für die Tonne - Wie wir das Plastikecycling stärken

FAZ: Alles für die Tonne – Wie wir das Plastikrecycling stärken

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung geht auf Schatzsuche: Während dieser Tage leider nicht selten dem Mythos Vorschub geleistet wird, dass unser Recycling eine Lüge sei und am Ende entweder alles zusammen verbrannt oder nach Asien exportiert würde, beschäftigt sich die FAZ mit der Frage: Wie können wir Plastikrecycling weiter stärken? An welchen Stellschrauben können wir als Verbraucher drehen, wo sind Industrie und Handel und gefragt? Wie können Innovationen die Kreislaufwirtschaft verbessern?

„Die Deutschen reden viel über Umweltschutz, doch bei der Mülltrennung versagen sie. Dabei könnten Abfalltonne und gelber Sack zum Rohstofflager für die Verpackungsindustrie werden. Jetzt soll dieser Schatz gehoben werden“, so die Einleitung der Redakteure Christine Scharrenbroch und Helmut Bünder. Weiterlesen unbedingt empfohlen.

Der umfangreiche Artikel zeigt deutlich die aktuelle Kluft zwischen Denken und Handeln. Dabei kommt die FAZ zu einem ähnlichen Ergebnis wie bereits zuvor die WELT in ihrem Artikel „Die Deutschen fühlen sich schuldig, verzichten wollen sie aber nicht“: Während die Menschen viel über Umweltschutz reden, Plastikfasten betreiben und sich über die EU-Verbote von Strohhalmen und Einweggegschirr freuen, lasse das eigene Konsumverhalten und anschließende Sammeln und Sortieren des Abfalls noch sehr zu wünschen übrig. Dabei wäre es ein leichtes, die Qualität der Mengen im Gelben Sack zu erhöhen. Was reingehört und was nicht, ist beispielsweise bei den Verbraucherzentralen zu erfahren.

Den ganzen Artikel der FAZ können Sie nachstehend lesen.

F.A.Z., 06.04.2019, Die Lounge (Wirtschaft), Seite 19

Alles für die Tonne

Die Deutschen reden viel über Umweltschutz, doch bei der Mülltrennung versagen sie. Dabei könnten Abfalltonne und gelber Sack zum Rohstofflager für die Verpackungsindustrie werden. Jetzt soll dieser Schatz gehoben werden.

Von Christine Scharrenbroch und Helmut Bünder

Im Landkreis Euskirchen geht es ziemlich durchschnittlich zu. Was in diesem Fall nicht abwertend gemeint ist, sondern den Kreis zu einer Modellregion der besonderen Art macht: Wenn es hier in der Voreifel gelingt, die Leute zu einem gewissenhaften Umgang mit ihrem Müll zu erziehen, dann könnte die Kampagne auch anderswo erfolgreich sein. Das ist zumindest das Kalkül des „Dualen Systems Deutschland“, besser bekannt als Grüner Punkt.

Das Problem: Die Deutschen reden zwar viel über Umweltschutz, Plastikvermeidung und freuen sich, wenn die EU Einwegstrohhalme und Wegwerfgeschirr verbietet. Doch bei ganz profanen Dingen – wie der Entsorgung des heimischen Verpackungsmülls – versagen sie. Michael Wiener, Chef des Grünen Punktes, sagt: „Wer mehr Kunststoff-Recycling will, muss an der eigenen Mülltonne anfangen.“ Der Grüne Punkt hatte den Deutschen nach seiner Gründung Anfang der neunziger Jahre beigebracht, wie Mülltrennung geht. Aber viele haben offenbar wieder verlernt, was in welche Tonne kommt. Oder, was auch nicht besser ist, sie wollen Gebühren für die schwarze Tonne sparen.

Recycling Kunststoffverpackungen der Gelbe Sack

Das Ziel: Noch mehr Recycling von Kunststoffverpackungen aus dem Gelben Sack

Deswegen landen nicht nur leere Verpackungen, sondern auch Dreck jeder Art in den gelben Tonnen und Säcken, aus denen die Recyclingindustrie ihren Rohstoff bezieht. Bis zu 60 Prozent des Inhalts besteht in manchen Städten aus solchen Fehlwürfen, die das Recycling verteuern oder ganz unmöglich machen. Umgekehrt findet sich im Restmüll jede Menge Plastik, das dann in der Verbrennungsanlage endet. Deshalb startet eine bekannte Werbeagentur im April unter dem Motto „Mülltrennung wirkt“ eine große Informationskampagne im Kreis und in der Stadt Euskirchen. Nächstes Jahr soll sie dann auf ganz Deutschland ausgerollt werden. Bezahlt wird die Nachhilfe gemeinsam von allen acht dualen Systemen, die sich im Auftrag von Industrie und Handel um die Wiederverwertung alter Verpackungen kümmern.

Die Sache stinkt vom Kopf her, könnte man sagen.

„Wir brauchen schon zu Beginn der Kette bessere Qualität, damit aus alten Verpackungen wieder neue werden können“, sagt Grüner-Punkt-Chef Wiener. Dieser Kreislauf ist bisher die Ausnahme. Es dominiert die Verarbeitung von Verpackungsabfällen zu einfachen Massenprodukten: Es entstehen Parkbänke, sehr viel Material landet im Wohnungsbau und in der Autoindustrie, die viele tausend Tonnen Altplastik verarbeiten. Auch an neuen Einsatzgebieten für den Kunststoff aus der Mülltonne wird getüftelt. Noch in diesem Jahr kämen die ersten Flechtmöbel aus Recyclingkunststoff auf den Markt, berichtete Wiener. Das Ausgangsmaterial ist ein Rezyklat, das der Grüne Punkt im westfälischen Hörsel und in Eisfeld in Thüringen produziert. Rund 100000 Tonnen werden dort jedes Jahr hergestellt. Nun ist eine Erweiterung um 36000 Tonnen speziell für die Verpackungsindustrie im Gespräch.

Doch noch fehlen die Kunden, und deshalb liegt der Plan auf Eis. „Starten werden wir erst dann, wenn wir wenigstens für die Hälfte der Kapazität Verträge haben“, sagt Wiener. Das wird nicht einfach. Überall wird in neue Anlagen investiert, weil sich die Branche auf die seit Jahresbeginn gültigen höheren gesetzlichen Quoten für das Recycling vorbereitet. Ganz vorn dabei: der Branchenriese Remondis, der den Grünen Punkt übernehmen will. In der Nähe von Köln haben die Westfalen gerade eine riesige Sortieranlage eröffnet, die im Jahr 120000 Tonnen schafft. Musste zuvor ein Drittel der Verpackungen wiederverwertet werden, beträgt der Anteil seit Jahresbeginn 58,5 Prozent. Bis 2021 steigt die Quote auf 63 Prozent. „Das ist eine riesige technische Herausforderung. Dafür müssen die Verpackungshersteller mit ins Boot“, sagt Remondis-Chef Herwarth Wilms.

Was das Recycling erschwert: Oft bestehen Verpackungen aus zusammengeklebten oder miteinander verschmolzenen unterschiedlichen Kunststoffen. Wenn aus Altplastik hochwertige Neuware werden soll, setzt das aber möglichst sortenreine Ausgangsmaterialien voraus. An den Verbundstoffen beißen sich herkömmliche mechanische Anlagen meistens die Zähne aus. Endstation ist die Müllverbrennung. „Was der Mensch verbindet, soll er auch wieder trennen können“, fordert Wilms deshalb von der Verpackungsindustrie.

Erste Schritte sind getan: Das neue Verpackungsgesetz belohnt ein recyclinggerechtes Ökodesign mit geringeren Entsorgungsgebühren.

Aber je besser es funktioniert, desto dringender stellt sich eine andere Frage: Wohin mit den wachsenden Rezyklat-Mengen? Durch die Quoten wird sich der Ausstoß der Recyclinganlagen ungefähr verdoppeln, bis zu 300000 Tonnen werden dann jedes Jahr zusätzlich anfallen, rechnet Grüner-Punkt-Chef Wiener vor. Und deshalb drängen die Recyclingunternehmen allesamt in die Verpackungsindustrie, in der sie ihr Material absetzen wollen. Dabei sind noch einige technische Hürden zu überwinden. Eine davon ist die Farbe. Ungefähr 60 Prozent der Verpackungen sind bunt. Nach dem Einschmelzen der in der Recyclinganlage erzeugten Flakes wird daraus ein unansehnliches Grau-Schwarz. Weil es sich nicht einfärben lässt, können die Verpackungshersteller damit wenig anfangen. Sehr viel begehrter sind Kunststoffe aus transparenten und weißen Verpackungen. „Das muss schon bei der Gestaltung der Verpackungen mitgedacht werden. Da darf nicht länger nur das Marketing die Oberhoheit haben“, sagt Wiener.

Seine Wunschvorstellung wären helle Behältnisse mit einem abziehbaren Vlies, das die Farbe trägt. Aber dann wäre noch mehr Mitarbeit der Verbraucher gefordert: Landet das Plastik samt Umhüllung in der Tonne, ist nichts gewonnen. Erfolgversprechender ist vielleicht das Beispiel Frosta: Das Unternehmen hat die Verpackungen für die Tiefkühlkost auf einen hellen Grundton umgestellt und verzichtet auf sogenannte Verbundstoffe, die den Recyclern das Leben schwermachen.

Einen Fuß in der Tür hat die Recyclingbranche bei Verpackungen für Wasch- und Reinigungsmittel

Heinz Plastik Flasche Verschluss Innovation Ecodesign

Neuartiger Verschluss zu 100% aus Recyclingmaterial

Einer der Vorreiter ist das für seine Marke Frosch bekannte Unternehmen Werner & Mertz. Der Mittelständler aus Mainz setzt bei seinen durchsichtigen Flaschen für die Frosch-Haushaltsreiniger zu 100 Prozent auf Altplastik. Ein Fünftel des Recyclingmaterials stammt aus dem gelben Sack, der Rest aus PET-Flaschen. Die Frosch-Behältnisse werden vom österreichischen Verpackungsspezialisten Alpla direkt auf dem Mainzer Werksgelände produziert. Im Mai bringt Werner & Mertz ebenfalls eine erste Kosmetikverpackung aus Altplastik aus dem gelben Sack heraus.

Das Thema Verpackungsmüll treibt auch die Großkonzerne um. Weil die Bilder von Plastikinseln in den Weltmeeren Verbraucher und Kunden bewegen, müssen sich Industrie und Handel etwas einfallen lassen. Beim Düsseldorfer Konsumgüterhersteller Henkel sollen bis 2025 sämtliche Produktverpackungen recycelfähig, wiederverwertbar oder kompostierbar sein. Ende 2018 waren es schon mehr als 80 Prozent. Ebenfalls bis 2025 soll der Anteil an recyceltem Plastik in den Verpackungen der Konsumgüterprodukte in Europa von 10 Prozent auf dann 35 Prozent steigen. Die Pril-Spülmittelflasche etwa wird komplett aus alten Getränkeflaschen hergestellt.

Procter & Gamble: Rezyklateinsatz bei Weichspüler und Waschmittel

Auch der amerikanische Konzern Procter & Gamble verwendet Altplastik. So beträgt beispielsweise der Rezyklat-Anteil bei der Flasche des Weichspülers Lenor 50 Prozent, beim Flüssigwaschmittel Ariel ist es ein Viertel. Bis 2020 hat sich das Unternehmen zum Ziel gesetzt, den jährlichen Einsatz von Rezyklaten gegenüber 2010 auf 52000 Tonnen zu verdoppeln. „Wir wollen den Rezyklat-Anteil bei unseren Verpackungen kontinuierlich steigern“, sagt Katharina Marquardt, die bei Procter & Gamble für die Kommunikation zum Thema Nachhaltigkeit zuständig ist. Dafür brauche es aber größere Mengen des Recyclingmaterials verbunden mit einer hohen Qualität und enormer Lieferzuverlässigkeit. „Insbesondere Händler fragen verstärkt nach, wie viel recyceltes Plastik bei uns verwendet wird“, berichtet die promovierte Biochemikerin. Bei der Kunden-Hotline halten sich die Anfragen zu dem Thema dagegen noch sehr in Grenzen. „Viele Verbraucher können mit dem Wort Rezyklat noch nicht viel anfangen.“

Procter & Gamble wie auch Henkel sind Mitglied im Rezyklat-Forum der Drogeriemarktkette dm. Insgesamt 26 Unternehmen sind dabei, die weniger Verpackungsabfall erreichen wollen. Initiativen gegen den Plastikmüll gibt es auch im Lebensmittelhandel. So sollen etwa bei Aldi Süd bis 2022 alle Verpackungen des Standardsortiments recyclingfähig sein. Konkurrent Lidl wird gar selbst im Müllsektor aktiv. Nach der Übernahme des Entsorgers Tönsmeier im vergangenen Jahr plant die Schwarz-Gruppe, die Holding von Lidl und Kaufland, nun den Aufbau eines eigenen dualen Systems.

Königsdisziplin: Rezyklate für Lebensmittelverpackungen

Grafik PET Flaschen Recycling Anteil Recyclat

Eine der wenigen Einsatzgebiete von Rezyklaten bei Lebensmittelverpackungen: PET-Getränkeflaschen

Als Königsdisziplin beim Einsatz von Rezyklaten sieht Grüner-Punkt-Chef Wiener die Lebensmittel. Da steht man, abgesehen von PET für die Flaschenproduktion, bisher mit leeren Händen da. Die Verarbeitung von Granulat aus der haushaltsnahen gemischten Sammlung ist verboten. Die EU-Zulassungsbehörde befürchtet Gesundheitsrisiken, weil Schwermetalle aus den Verpackungsfarben oder gefährliche Chemikalien, etwa Reste von Putzmitteln oder Rohrreinigern, die Verpackungen kontaminieren könnten. „Technologisch bekämen wir eine lebensmitteltaugliche Produktion hin“, sagt Wiener und fordert ein Umdenken der Aufsicht.

Aber auch dann blieben die Mehrkosten. Aus der gelben Tonne gewonnenes Plastik ist derzeit rund 20 Prozent teurer als Neuware aus Erdöl. Mülltrennungs-Fachmann Wiener stellt den reinen Preisvergleich grundsätzlich in Frage. „Da werden externe Kosten wie die CO2-Belastung bei der Herstellung von Neuware und die späteren Entsorgungskosten völlig ausgeblendet. Wenn wir Klima und Ressourcen schonen wollen, geht das nur im Stoffkreislauf.“ Rund 14 Prozent ihres Rohstoffbedarfs holt die deutsche Industrie bisher aus dem Recycling: Eisenschrott, Altmetalle, Bauabfall, Glas, Papier. Auf 70 Prozent müsse der Anteil steigen, sagt Wilms: für Umwelt- und Klimaschutz und zur langfristigen Absicherung der Rohstoffversorgung. Beim Plastik sehen die Entsorger jetzt die Politik in der Pflicht. „Wer höhere Recyclingvorgaben macht, muss auch sicherstellen, dass die Produktion einen Markt findet“, sagt Wilms. Am liebsten wäre der Branche ein Quotensystem, das die Verpackungshersteller verpflichtet, auch Recyclingkunststoff zu verarbeiten. Wiener und Wilms sehen dafür auch in der deutschen Politik ein wachsendes Verständnis. Andere Länder sind schon weiter: In Großbritannien läuft gerade die Anhörung zu einer Gesetzesinitiative, die einen Mindestgehalt von 30 Prozent Recyclingkunststoff vorschreibt.

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Wenn Sie mehr zu Innovationen im Umfeld der Kunststoff-Kreislaufwirtschaft erfahren möchten, empfehlen wir den Besuch unserer Rubrik „Innovation und Kunststoffverpackung“.

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