Die Zahlen sind erschreckend: Rund 4,9 Milliarden Tonnen Plastikmüll sollen zwischen 1950 und 2015 auf Deponien und in der Umwelt gelandet sein. Um weitere Einträge zu verhindern und deutlich mehr Abfälle als Rohstoffe zu nutzen, muss sich etwas ändern. Und tatsächlich ändert sich bereits eine ganze Menge. Der Wandel von der linaren (produzieren, verwenden, entsorgen) zur Kreislaufwirtschaft (produzieren, verwenden, recyceln/reparieren/wiederverwenden) findet bereits tagtäglich statt.

Klar, eine wachsende Zahl an Menschen, die stetig auch mehr konsumieren, verursachen auch immer mehr Abfall. Lösungen dafür liegen jedoch auf der Hand: wann immer es geht Müll vermeiden durch langlebige und mehrfache Verwendung. Außerdem gilt: Abfall, der sich nicht vermeiden lässt, nicht achtlos wegzuwerfen, sondern verantwortungsvoll zu entsorgen. Damit kann er – wann immer möglich – recycelt werden.

Muelltrennung Wirkt Recycling Kreislaufwirtschaft Min

Mülltrennung wirkt! Je besser wir sammeln und sortieren, desto besser lassen sich Verpackungen recyceln. (© Initiative “Mülltrennung wirkt”)

Mit der Kreislaufwirtschaft werden aus Abfällen wieder Rohstoffe. So trägt die Kreislaufführung von Rohstoffen maßgeblich zum Klimaschutz bei, da das Aufbereiten von diesen sogenannten Sekundärrohstoffen häufig mit geringeren CO2-Emissionen gelingt, als die Erzeugung neuer Rohstoffe.

Recyclingbilanz zeigt positiven Trend

Allerdings wird derzeit trotz flächendeckender Sammel-, Sortier- und Verwertungsstruktur insgesamt noch zu wenig recycelt. Auch wenn der Weg stimmt: Denn die stoffliche Verwertung von Kunststoffverpackungen ist laut der GVM Recycling Bilanz im Jahr 2019 um 8,1 Prozentpunkte gegenüber dem Vorjahr gestiegen. Und beim privaten Endverbrauchs sogar um 12,3 Prozent. Dies führt zu Recyclingquoten bei Kunststoffverpackungen von insgesamt 55,2 Prozent, wenn man den Gesamtmarkt von Kunststoffverpackungen betrachtet.

Recyclingquoten Bei Kunststoffverpackungen ErreichtBeim privaten Endverbrauch – das heißt beteiligungspflichtige Verpackungen plus Pfandflaschen – liegt die Quote sogar bei 61,7 Prozent. Auch andere Materialarten wie Papier und Aluminium zeigen beim Recycling eine aufsteigende Tendenz. Das ist eine erfreuliche Entwicklung, auf die sich aufbauen lässt.

So sollte der Fokus in der öffentlichen Diskussion weg von dem führen, was man alles nicht mehr machen will, und stärker auf Lösungen und positiven Ansätzen liegen.

Ziele statt Verbote – Was heißt das?

Statt weiterer Verbote braucht es Ziele und konkrete Pläne für das, was Deutschland bei der Wende hin zu mehr Klimaschutz und Nachhaltigkeit erreichen kann und will. Innerhalb der Kunststoffverpackungsindustrie haben die im Circular Economy Action Plan – kurz CEAP – adressierten Themen bereits Priorität, beispielsweise beim Setzen eigener ambitionierter Recyclingziele für 2025: 90 Prozent recycling- oder mehrwegfähige Verpackungen (heute 75 Prozent) sowie eine Million Tonnen Rezyklateinsatz in Kunststoffverpackungen in Deutschland (heute 400.000 Tonnen).

Produkte neu denken

Mit dem Leitfaden Eco Design von Kunststoffverpackungen leistet die Industrie einen zusätzlichen Beitrag zur angekündigten Strategie für nachhaltige Produkte.

Dr Isabell Schmidt Geschaeftsfuehrung IK Industrievereinigung Kunststoffverpackungen Plastikgipfel

Dr. Isabell Schmidt, Geschäftsführerin Kreislaufwirtschaft bei der IK

„Für die Kunststoffindustrie bringt der angestoßene Wandel auch neue Chancen. Wie kein anderes Material werden Kunststoffe schließlich für die klimaneutrale Wirtschaft gebraucht, ob als Rotorblätter von Windenergieanlagen oder als energie- und ressourcensparende Verpackungen für Lebensmittel und andere Produkte“, sagt Dr. Isabell Schmidt, Geschäftsführerin Kreislaufwirtschaft bei der IK Industrievereinigung Kunststoffverpackungen. „Wir arbeiten mit Hochdruck am Schließen der Kreisläufe und Neudenken unserer Produkte“, ergänzt sie.

Recyclingfähigkeit ausbauen

Wird das Recycling weiter ausgebaut, lassen sich Stoffströme stärken und Kreisläufe schließen. Es sind Lösungen gefragt, die die Recyclingfähigkeit von Kunststoffen weiter verbessern.

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Ingemar Bühler, Hauptgeschäftsführer bei PlasticsEurope Deutschland

„Wir Kunststofferzeuger sind schon heute ein wichtiger Teil des Transformationsprozesses, der durch den CEAP der EU-Kommission angestoßen wurde“, erklärt Ingemar Bühler, Hauptgeschäftsführer beim Kunststofferzeugerverband PlasticsEurope Deutschland. „Die Abkehr vom linearen Verbrauch von Ressourcen ist längst als Ziel bei Politik, Industrie und Gesellschaft angekommen. Unsere Branche treibt das Umdenken hin zu einer Kreislaufwirtschaft, in der wir Ressourcen so lange wie möglich weiter nutzen, auf vielfältige Weise voran.“

Vom Design bis zum Rezyklateinsatz

Insgesamt lässt sich festhalten, dass die Kunststoffindustrie viel stärker in Richtung zirkulärer Rohstoffe und neuer Materialkreisläufe denkt und investiert. Fast täglich werden Innovationen quer durch die Kunststoff-Wertschöpfungskette vorgestellt. Damit lassen sich mehr Kunststoffabfälle recyceln und alternative Rohstoffe in der Kunststoffproduktion nutzen.

HolyGrail Recycling Technologie

© Henkel

Wichtige Ansätze sind nachhaltiges Produktdesign, verbesserte Abfallsortiertechnologien oder diversifizierte Rohstoffquellen. So sucht die Initiative HolyGrail 2.0 intensiv nach Lösungen für die Verpackungsgestaltung und die Gestaltung eines effizienteren Recyclingprozesses. Basis hierfür ist eine optimale Identifizierung der Recyclingmaterialien beim Sortieren der Abfälle in den Entsorgungsbetrieben. Dadurch lässt sich das Verwerten von Kunststoffabfall und der Wiedereinsatz des geeigneten Rezyklats für Verpackungen verbessern.

Zudem spielen die ökologische Gestaltung von Verpackungen und hier besonders das recyclingfähige Design längst eine deutlich größere Rolle als noch vor einigen Jahren. Die Industrie hat erkannt, dass die Zukunft ihrer Produkte davon abhängt, wie stark sie deren Lebensende schon am Anfang mitdenkt.

Recycling weiterdenken

Das mechanische Recycling – bei dem das Material zerkleinert, eingeschmolzen und neu geformt wird – ist bereits gut entwickelt. Es wird allerdings noch nicht konsequent genug angewendet. Zudem lassen sich manche Kunststoffe nach einer mechanischen Verwertung nicht mehr uneingeschränkt für den ursprünglichen Zweck einsetzen, da sich die Molekülketten bei jedem Recyclingkreislauf verkürzen. Ein weiterer Aspekt: Mechanisches Recycling ist nicht immer möglich, wie beispielsweise bei gemischten Kunststoffabfällen.

Acatech Circular Economy Initiative Report Kunststoff Kreislaufwirtschaft 2021

Quelle: Acatech / Circular Economy Initiative

In vielen Fällen bietet sich ein anderer Weg an, um altes Material wieder in seine chemischen Bestandteile umzuwandeln und daraus neue Rohstoffe zu gewinnen. Die Kunststoffindustrie forscht in verschiedenen Projekten an neuen Technologien für dieses chemische Recycling von Kunststoffabfällen und weitet das etablierte mechanische Recycling zur Gewinnung von Sekundärrohstoffen aus. Die Universität Konstanz hat zum Beispiel ein chemisches Verfahren entwickelt, bei dem Kunststoff in seine molekularen Grundbausteine zurückgebaut wird. Aus ihnen entsteht dann ein neuer Kunststoff.

Plastic Bottles (Bild Hans Braxmeier)

Bild: Hans Braxmeier

Bis diese Technologien allerdings einsatzbereit sind, sind neben gesetzlichen Regelungen vor allem Förderungen extrem wichtig. „Das chemische Recycling könnte in Zukunft eine Lücke in der Kreislaufwirtschaft auch von Kunststoffverpackungen schließen. Nämlich dann, wenn es damit gelingt, stark verschmutzte und vermischte Kunststoffabfälle zu recyceln, die bislang nur energetisch verwertet werden konnten. Das erfordert allerdings noch weitere Forschungs- und Entwicklungsarbeit“, so Dr. Isabell Schmidt.

Gleichzeitig spielen bei der Stärkung des Recyclings auch neue Technologien bei der mechanischen Verwertung eine wichtige Rolle. Die Industrie arbeitet intensiv daran, bisher nicht recyclingfähige Verpackungen durch Innovationen immer mehr einer werkstofflichen Wiederverwertung zuzuführen oder dieselbe Schutzfunktion mit anderen Kunststofflösungen, zum Beispiel Monomaterial statt Verbund, zu erreichen.

Wie wirtschaftlich sind Recyclingmaterialien?

Neben Innovationen sowie der Verfügbarkeit und Qualität steht die Frage nach der Wirtschaftlichkeit von Recyclingmaterialien zunehmen im Fokus. Denn nur, wenn das Recycling von Kunststoffen ökonomisch attraktiv ist, wird es in der Praxis auch umgesetzt. Daher müssen die regulatorischen Rahmenbedingungen so gestaltet werden, dass der Einsatz von Rezyklaten möglich wird.

IK Recyclingziele Rezyklat V2

IK – Recyclingziel 2025 – Mehr Recyclat im Einsatz

Die Kunststoffbranche treibt das Umdenken hin zu einer Kreislaufwirtschaft, in der Ressourcen so lange wie möglich weiter genutzt werden, auf vielfältige Weise voran – und erhöht so auch die Wirtschaftlichkeit. So investiert beispielsweise die ALPLA Group jährlich 50 Millionen Euro in den Ausbau der Recyclingaktivitäten.

Und Renolit hat sich freiwillig dazu verpflichtet, die im Rahmen der Produktion anfallenden, internen Kunststoffabfälle zu 100 Prozent wiederzuverwenden. Borealis hat vor kurzem gemeinsam mit seinem norwegischen Partner TOMRA eine der modernsten Recyclinganlagen Europas in Rheinland-Pfalz eröffnet.

Recycling Process (c)Borealis And Tomra

Die Recycling-Pilotanlage in Lahnstein ist eine der fortschrittlichsten mechanischen Recyclinganlagen für Kunststoffabfälle
Copyright: Borealis & TOMRA

Auch bei Elektro- und Elektronikprodukten oder in der Autoindustrie ist Kreislaufwirtschaft mit Kunststoff im Kommen: Wasserflaschen, die in Blends für Laptops, Drucker oder Ladestationen umgewandelt werden, Gehäuseteile von Handbohrern komplett aus Kunststoff-Rezyklat, Closed-Loop-Technologien für Stoßfänger und Instrumententafeln im Automobil. All das gelingt nur mit dem Know-how der kunststofferzeugenden Industrie.

So wird die Weiterentwicklung der Kreislaufwirtschaft mit dem Ziel, Kohlenstoffkreisläufe weitestgehend zu schließen, in den kommenden Jahren sicherlich erhebliche zusätzliche Investitionen und Innovationen der Wirtschaft weltweit mobilisieren.