Plastik und Nachhaltigkeit - Hass ist keine Lösung - Die Zukunft von Plastik

Plastik und Nachhaltigkeit: Hass ist keine Lösung

von Gerhard Matzig – erschienen in „Süddeutsche Zeitung“ am 01. Februar 2020:

Plastik gilt als Inbegriff ökologischer Fehltritte. Aber mit etwas Fantasie ließe sich die „magische Materie“ mit der Zukunft versöhnen.

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Am Ende ist die verblüffende Wahrheit kaum zu leugnen: Man gehört mutmaßlich zu den Hassern – und nicht zu den Liebenden. Das gilt jedenfalls für die Welt der Kunststoffe in ihrer verallgemeinernden Schwundstufe als „Plastik“. Im digitalen Existenzialismus der Epoche führt der Suchmaschinensatz „Ich hasse Plastik“ direkt in die Sphäre der zeitgenössischen Erhabenheit.

Hier ist der Plastik-Hass der ultimative Ausdruck weltbewahrender Gesinnung. SUV-Scham, Flugscham, Fleischscham, Kinderhabenscham, Kohlendioxidausatmenscham: Das alles ist nichts gegen die Plastikscham als Oberbegriff sündhafter Verderbtheit, asozialer Egomanie und gesellschaftlicher Ignoranz. Die humanistische Gegenposition lässt sich dabei emblematisch durch den Onlinebezug diverser Baumwollbeutel mit expliziten Botschaften verdinglichen. Man trägt dann nicht nur einen Stoffbeutel zu Markte, sondern auch die richtige – also klimafreundliche – Gesamtpersönlichkeit. Und teilt der Welt wichtige Dinge mit.

Dass man beispielsweise ein „Plastic Hater“ ist. Kostet nur 19,49 Euro „zzgl. Versandkosten“. Auch erhältlich ist der Aufdruck „Plastic sucks“. Oder „Plastik ist voll 90er“. Die Frage, ob die im Internet bestellte, womöglich nicht ganz klimaneutral gelieferte und womöglich auch nicht nur auf deutschen Baumwollfeldern gewonnene Chiffre tatsächlich klimarelevant ist, verbietet sich übrigens. Das gilt auch für die Frage, ob die Alditüte, die noch nicht von Lars Eidinger zum shitstormbegleiteten Lederaccessoire umcodiert wurde, womöglich doch komplizierter als gedacht zu bilanzieren wäre. Wenn es um die Korrektheit der eigenen Identität geht, führen übermäßig korrekte Fakten ja doch nur in den Fake-Nebel.

Wer „Ich liebe Plastik“ googelt, landet auf Fetischseiten und Gummibizarrerien

Der Googlesatz, der sich theoretisch dem Hass verweigert, zum Beispiel „ich liebe Plastik“, führt jedenfalls nicht zu den Buchtiteln „Besser leben ohne Plastik“, „Noch besser leben ohne Plastik“ oder „Plastikfrei für Einsteiger“. Sondern direkt zum Plastikfetisch und zu Gummibizarrerien. Ein Klick weiter – und man darf den Trost einer Selbsthilfegruppe erfahren, sollte man beispielsweise einer aufblasbaren Plastikpuppe verfallen sein.

Plastik zu lieben, das fällt schwer in dieser Zeit, da Lego die Umstellung der Produktion auf Hanfplastik annonciert und eine McDonald’s-Dependance in Florida einem erbosten Gast den inkriminierten Plastiktrinkhalm nur auf Nachfrage aushändigen will, was eine Schlägerei zur Folge hat. Wer in München im Glockenbachviertel mit einer Plastiktüte erwischt wird, kann auch gleich zugeben, dass er Trump-Fan ist.

Immerhin ist der ostentativ gemeinte „Eco-Style“ gendergerecht: Die Zeitschrift Öko-Test hat mittlerweile auch Vibratoren getestet. Der „Lover Vib“ punktet als plastikfreie Zone der Lust mit „geöltem Ahornholz“. Auch auf diesem Feld erscheint es aktuell nicht opportun, die Kunststoffära, die weit über die Moderne hinaus bereits im Mittelalter begründet wurde, als das anzuerkennen, was sie ist: kulturgeschichtlich prägend, technisch bedeutsam, ökonomisch relevant und ökologisch mit Blick auf die Zukunft bemerkenswert.

Plastik, dieser Inbegriff des Falschen, Billigen, Bösen, Hässlichen und Kranken, verdient einen Perspektivwechsel. Es ist närrisch, Plastik einfach nur zu hassen und sich darüber zu empören. Im Gegenteil sollte man dem Stoff, der noch für Roland Barthes in den „Mythen des Alltags“ als „magische Materie“ gefeiert und zum Endziel moderner Alchemie erhöht wurde, im Rückgriff auf die Erwartungen seiner Geschichtlichkeit endlich angemessen (und hysteriefrei) begegnen. Ohne die Last ideologisch temperierter, letztlich aber sinnfreier Simplifizierungen, die öfter Glaubensbekenntnisse als Erkenntnisse vermitteln.

Kunststoffverpackungen Vorteile bei Lagerung Warenpraesentation Konsumgerechte Portionierung

Verpackungen aus Kunststoff bieten viele Vorteile bei Lagerung und Warenpräsentation.

Die vielen Kunststoffe, die unter dem eigentlich naiven Begriff Plastik meist undifferenziert in Sippenhaft genommen werden, beschreiben insgesamt einen Stoff, der weder künstlich (böse) noch natürlich (gut) ist, sondern als komplexes Produkt dessen zu begreifen ist, was das Universum beinhaltet. Plastik ist daher nicht nur der Treibstoff des 20. Jahrhunderts, sondern womöglich auch Edelstoff einer nachhaltig betriebenen Zukunft. Die inflationäre Rede vom inflationären Plastikmüll, über dessen enorme Problematik keineswegs hinwegzusehen ist, macht es leider schwer, im Müll etwas anderes als Müll und zum Beispiel etwas Wertvolles, gar eine Utopie des Recyclings, zu sehen.

400 Millionen Tonnen Kunststoff werden hergestellt. Jahr für Jahr

Die Zahlen, die das Plastikdesaster beschreiben, sind nicht zu leugnen. Noch in den Fünfzigerjahren wurden weltweit rund anderthalb Tonnen Plastik pro Jahr hergestellt. Daraus sind 400 Millionen geworden. Aber weniger als ein Viertel der Produkte bleibt dauerhaft oder über einen längeren Zeitraum in Benutzung. Verpackungsmaterial, mehr als ein Drittel der über 400 Millionen Tonnen jährlich, wird in den allermeisten Fällen nur einmal verwendet. Die Plastikmüllstrudel in den Weltmeeren umschreiben daher mittlerweile die Dimensionen von Kontinenten, wobei manche Kunststoffe erst nach Jahrhunderten abgebaut werden.

Hätte Martin Luther vor 500 Jahren einen Softdrink mithilfe einer natürlich erst seit Jahrzehnten möglich gewordenen Plastikflasche zu sich genommen und vandalisch entsorgt, man könnte unter Umständen dem Mikroplastik daraus noch heute in der Dorade begegnen, die man sich gern rund ums Mittelmeer grillt. Wir essen unseren eigenen Müll, daher ist es eine schlechte Nachricht, wenn man im „Plastikatlas 2019“ erfährt, dass Coca-Cola 88 Milliarden Einwegplastikflaschen produziert. Pro Jahr. Im Esquire schrieb Norman Mailer: „Es gibt im Universum eine böse Kraft (… ) sie ist aus Plastik.“

Deshalb ist es auf dem ersten Blick verstörend, wenn man aus der Zeit erfährt, dass die Ölkonzerne angesichts tendenziell sinkender Nachfrage nach fossilen Brennstoffen zunehmend die Kunststoffproduktion in den Blick nehmen: „Für besonders aussichtsreich hält die Branche Plastik.“ Das sei die Zukunft.

Man fragt sich, wie diese Nachricht aufzunehmen ist, wenn man sich gerade den Stoffbeutel mit dem Aufdruck „Plastik ist voll 90er“ bestellt hat. Wieder stellt sich das Dilemma: Wer Plastik liebt, hat Sex mit Aufblaspuppen und ist ein Unterling der Ölbranche. Wer aber Plastik hasst, ist auf dem heilsamen Weg in die Zukunft. Es wäre ja schön, wenn es so einfach wäre, denn das nächste Plastikfasten kommt so sicher wie die Liste „15 Dinge aus Plastik, die du wirklich meiden solltest“.

Plastik Verpackung mehr Komfort bei Anwendung Transport und Lagerung

Im Kosmetikbereich sind Kunststoffverpackungen in vielen Anwendungen nicht mehr wegzudenken.

Es ist aber auch so, dass Plastik nicht nur völlig überflüssigerweise die einzelne Cocktailtomate umhüllt, als gäbe es kein Morgen – Kunststoffe sind mittlerweile Baustoffe der gesamten Zivilisation: Das reicht vom künstlichen Kniegelenk über das Smartphone bis zum ultraleichten Öko-Vehikel. Vor allem aber gibt es keinen Grund, den Kunststoff als Hort des Bösen zu verdammen, denn das Plastikproblem ist eher durch eine rationale Politik als durch irrationale Gestik zu lösen.

Verpackungen sind auch aus Nylon denkbar, und das ist perfekt recyclebar

Sinnvoll wäre es, so fordert der Chemiker Michael Braungart in einem Interview, die Kunststoffindustrie „per Gesetz“ dazu zu verpflichten, „dass nichts von ihren Produkten in der Umwelt landet. Wir müssen dazu alle Kunststoffe von der Abfallbeseitigung und der Müllverbrennung ausschließen“. Die Plastikherstellung ist über moderne Recyclingverfahren schon längst als Kreislauf denkbar. „Verpackungen, die aus den billigsten Materialien, aus Polyethylen oder Polypropylen hergestellt werden, sind auch aus Nylon herstellbar. Nylon aber ist ein Stoff, der perfekt recycelt werden und endlos im Kreislauf gehalten werden kann. (…) Es gibt sogar Kunststoffe, die beim Recycling durch die Reinigung sauberer werden als neu hergestellte Stoffe. Sie werden also immer wertvoller.“

Plastik ist ein Stoff, der ewig hält. Mit Blick auf die Müllkippe ist das schlecht. Mit Blick auf nachhaltige Nutzung ist das gut. Die neue Plastik-Strategie der EU sieht vor, dass von 2030 an alle Kunststoffe recycelfähig sein sollen. Das ist ein erster kleiner Schritt. Darüber hinaus gibt es sogar Plastik aus Bio-Rohstoffen, etwa aus Mais- oder Kartoffelstärke.

Plastik könnte also wieder genau das werden, was es schon einmal war: ein Versprechen. Als der heute so umstrittene Chemiekonzern Bayer im Rahmen der Kölner Möbelmesse 1970 den dänischen Architekten Verner Panton damit beauftragte, eine futuristische Welt zu erfinden, ganz im Zeichen der Kunststoffverheißungen, dachte sich Panton eine einzigartig spektakuläre Wohnlandschaft in der geistigen Nachbarschaft von Mondlandung, Barbarella und Woodstock aus. In einigen Tagen, vom 8. Februar an, wird die Rekonstruktion dieses raumschönen und farbintensiven Plastikdeliriums in der Ausstellung „Home Stories – 100 Jahre, 20 visionäre Interieurs“ (Vitra Design Museum, Weil am Rhein) zu sehen sein. Es ist der angemessene Ort, um daran zu erinnern, dass man das Reich der Kunststoffe weder hassen noch retrospektiv verherrlichen sollte. Man kann darin aber einer Zukunft nachspüren, in der sich Ökologie und Ökonomie, Plastik und Natur aussöhnen. Denkbar ist es.

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Nachstehend finden in Ergänzung zu obigem Beitrag die aktuellesten Daten zu globalen Kunststoffmarkt

 

2020-02-14T14:54:56+01:00